Rezension: »Nathan und seine Kinder« von Mirjam Pressler

Während Schüler oft über die Sprache des Dramas murren, bietet Lessings Nathan der Weise inhaltlich viel: Philosophische und religiöse Themen werden ebenso verarbeitet wie interkulturelles Verständnis oder Liebe. Mirjam Pressler versucht nun die Geschichte in dem Roman Nathan und seine Kinder von seinen Altlasten zu befreien. Ob es ihr gelungen ist, berichtet thema-Autor Kevin Weber in seiner Rezension.

»Ich muss unter dem Maulbeerbaum eingeschlafen sein, wo ich mich am späten Nachmittag, als die Hitze unerträglich wurde, zum Ausruhen hingelegt hatte, denn ich wurde von Schreien geweckt.«

Mit diesen Worten beginnt der Roman und holt so den Leser sofort mitten in das Geschehen. Schreie kommen aus dem brennenden Haus von Nathan. Es scheint ein Engel zu sein, der Recha, die Tochter Nathans, vor dem Schlimmsten bewahrt und in letzter Sekunde aus den Flammen befreit. Der scheinbare Engel ist ein Tempelritter. Und zwar der einzige, der vom gefürchteten Sultan Saladin verschont und nicht hingerichtet wurde.

Die Nahtoderfahrung als Lebenselixier

Buchcover: Nathan und seine Kinder

Nachdem Recha dem Tod nur knapp entkommen ist, genießt sie das Leben, als wäre sie neugeboren. »Was für ein großes, überwältigendes Geschenk das Leben ist, ein unbegreiflicher Schatz, der uns gegeben ist und den wir nicht als selbstverständlich hinnehmen dürfen. Vielleicht sind Menschen erst im der Lage, das zu erkennen, wenn wir am eigenen Leib erlebt haben, wie nahe Leben und Tod beieinanderliegen…«, stellt Recha fest. Eine Aussage, mit der die Autorin Mirjam Pressler die Leser sicher zum Nachdenken über die Wertschätzung des eigenen Lebens anregen möchte.

Die Religion steht zwischen der Liebe

Recha sieht ihren Retter, den Tempelritter, und der Tempelritter sieht sie. Es ist eine Liebe auf den zweiten Blick, die nicht existieren darf: Recha ist, genau wie ihr Vater Nathan, von jüdischem Glauben, der Tempelritter hingegen ein Christ, der noch dazu ein Keuschheitsgelübde vor der christlichen Kirche abgelegt hat. In der damaligen Zeit akzeptierten nur die wenigsten Menschen, dass mehrere Religionen beziehungsweise Weltansichten existierten. Kreuzzüge waren Alltag und der Kampf der Religionen um die Vorherrschaft in Jerusalem und das Durchsetzen der eigenen Ansichten gegenüber den Heiden stand an der Tagesordnung. Nathan, »der, den sie den Weisen nennen«, war anders als die meisten und setzt typisch aufklärerisch auf Vernunft und Toleranz.

Welche Religion ist die einzig wahre?

Seine Weisheit kommt ihm in der Schlüsselszene zugute – sowohl im Roman, als auch im Drama von Lessing. Der Sultan Saladin, ein Herrscher muslimischen Glaubens, stellt ihn vor die Frage, welche Religion die einzig wahre sei. Nathan könnte sein Leben retten, indem er den Sultan in seinem Glauben bestätigt, würde damit aber seinen eigenen Glauben verraten. Aus dieser Zwickmühle löst er sich durch ein Gleichnis mit drei Ringen, was auch häufig als »Ringparabel« bezeichnet wird. Bei dieser Erzählung begründet er auf bildhafter Ebene, weshalb es zu der Frage Saladins keine klare Antwort gibt. Zwischen den beiden entwickelt sich in der Folge eine ungewöhnliche Freundschaft – bis der Kampf der Religionen ein prominentes Todesopfer fordert.

Auswertung & Fazit

Der gesamte Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben und von Kapitel zu Kapitel wechselt die erzählende Person, sodass verschiedene Sichtweisen deutlich werden und die Leser quasi interaktiv am Geschehen teilnehmen. Die mächtigsten und wichtigsten Vertreter der drei großen Religionen (der Patriarch, als wichtiger Vertreter und Ansprechpartner für Christen, Saladin, als muslimischer und gefürchteter Herrscher, und natürlich der jüdische Nathan) dienen in dem ganzen Roman nie als Erzähler, wodurch stets eine gewisse Distanz erhalten bleibt.

Durch zusätzliche, fiktive Personen und Handlungen wirkt Nathan und seine Kinder insgesamt rund, logisch und fesselnd und hebt sich dadurch von Lessings Klassiker ab. Dennoch bleibt das erhalten, was Lessing mit seinem Werk vermitteln wollte: Es geht darum, dass nicht die Religion im Vordergrund stehen sollte, sondern der Mensch. Und es geht um Liebe.

Mirjam Pressler
Nathan und seine Kinder
Beltz und Gelberg Verlag
16,95€
ISBN 13: 978-3407810496 (bei Amazon)

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